Impressum Disclaimer Startseite

 

 

 

 

Review

Aus Berlin kommt in diesen kalten und trüben Tagen endlich mal wieder Hip Hop mit Herz, Seele und Verstand, der zumindest in mir die Sonne aufgehen läßt. Mit "Die Innere Stimme" liefert Finest den lange überfälligen Beweis, dass man auch in der Hauptstadt Rap mit viel Liebe zur Musik und einem scharfen Sinn fürs Detail finden kann. Fernab vom kitschigen Image der Berliner Pop-Gangsta gibt uns der 22-jährige MC Einblicke in sein Leben, seine Gefühle und seine Gedankenwelt und der Hörer ist sich jederzeit bewusst, dass er mit dieser LP einen vertonten Lebensabschnitt eines Menschen in der Hand hält.

Das auch Finest wie jeder andere Mensch Schwächen hat, thematisiert er auch gleich direkt nach dem Intro. In "Arsch des Jahres" betrachtet der junge Berliner sich selbstironisch, erklärt, dass alle, die Negatives über ihn verbreiten wohl auch irgendwie recht haben könnten und zeigt eindrucksvoll Stärke indem er seine eventuellen Schwächen eingesteht. In Folge dessen wird jedem klar, dass man über diesen Rapper verbreiten kann was man will, denn ihn interessiert es nicht.

Der Grund für soviel Selbstvertrauen, verrät uns Finest in "Rohdiamant", liegt auf der Hand: Er ist sich seines Talents bewusst und da sein ganzes Leben von Rap geprägt ist, gibt es für ihn sowieso keinen anderen Weg, als dieses zu nutzen und, wenn möglich, "hoch hinaus" zu kommen.

Und um dieses Talent gleich noch einmal ins richtige Licht zu rücken fliegen dem Zuhörer im darauf folgenden "Wahnsinn" 88 durchgerappte Bars auf einem Groovin-tobits Beat um die Ohren.

"Schwein gehabt, es ist ein heißer Tag" passt zwar nicht mehr ganz zur in Deutschland neun Monate lang vorherschenden Jahreszeit, aber "Sommerzeit" holt selbige zumindest für gute drei Minuten zurück ins geheizte Wohnzimmer. Und so erinnert man sich gerne zurück an die kurze Zeit, in der man die Tage mit Alc, Weed, Musik und Mädels im Park verbrachte und kann dem Protagonisten dieses Titels nur zustimmen: "So sollte es immer sein!"

Doch es wird noch heißer: "Burn it up!" cuttet LMNZ und Finest beginnt mit der "Livebattleshow". Der Name ist Programm, der Beat bringt die Boxen zum Brennen und zum Glück läßt zumindest die instrumentale Hook der Nackenmuskulatur etwas Zeit zum entspannen.

Etwas ruhiger und mit mehr Möglichkeiten zum Nachdenken folgt "In einem Land...", in dem Finest den "Widerstand der Straßen" proklamiert und seine Generation, die "ständig stoned" ist auffordert auch einmal hinter die Kulissen zu schauen. Er nutzt die Musik um seine politische Meinung zu verbreiten und das Land wachzurütteln.

Die Hoffnung dazu schöpft er, wie er in "Träumer" beschreibt, aus seinen Träumen und Phantasien, die ihm die Möglichkeit geben aus einer negativen Welt abzutauchen und mit neuer Kraft zurück zu kommen. Deutlich wird hierbei auch, dass für ihn nicht Geld, sondern Glück das Essentielle im Leben ist.

Diese Glück hat er in seinem jungen Leben zum Großteil in seiner Geburtsstadt Berlin erlebt und so ist es kein Zufall, dass mit "Ein Stück Geschichte" auch eine Hymne auf die Hauptstadt auf "Die Innere Stimme" vertreten ist. Das "seine Stadt" für den berliner Rapper fast wie ein Freund ist, zeigt sich vor allem durch die Personifierung der Metropole, die zu ihm spricht und ihm ein paar ihrer Probleme gesteht, wodurch man erneut bemerkt, dass alles im Leben zwei Seiten hat.

Die "dunkle Seite" der Welt verurteilt Finest im anschließenden Titel "Trümmerfelder". Detailliert beschreibt er ein Kriegsszenario und klagt die allgegenwärtige Korruption und Zäsur in Politik und Medien an. "Was bringt mir schon wählen, ich bin immer dagegen" spricht wohl vielen Menschen seiner Generation aus der Seele und so ist es kein Wunder, dass auch Finest manchmal gerne "Auf und davon" wäre. In diesem Fall bezieht er sich allerdings wieder auf die Musik und gibt einen Einblick in seine Zukunftspläne und Visionen, die natürlich immer im Zusammenhang mit Hip Hop stehen.

Im Anschluss folgt mit "3 in 1" ein interessantes Medley. Hier beschreibt der junge Berliner eine, der für ihn wichtigsten Eigenschaften - Ehrlichkeit - und warnt vor dem Mangel an selbiger in unserer heutigen Welt und wie selten man sich auf andere Menschen verlassen kann.

"Kennst du das, du wirst von Freunden enttäuscht? Und deine Existenz leugnen sie heut?". Jeder kennt diese Situation, wenn alles schief läuft und nichts klappt und somit wird "Kennst du das?" auf einem äußerst melancholischen Piano-Beat von Ewok zum einem Track mit dem sich jeder identifizieren kann und aus dem jeder neue Kraft schöpfen kann, da "Kennst du das?" einem die Gewissheit gibt, dass auch andere Menschen Probleme haben, und dass es dennoch immer weitergeht.

Als einziger Gast auf dem Album steuert LMNZ eine Hook in "Aufbruch" bei, der in gewisser Weise eine Fortsetzung von "Kennst du das?" darstellt. "Atme durch! Red dir den Stress von der Seele" fordert dieser seinen Gegenüber in einer Art Dialog auf und nicht nur diesen, sondern alle die ähnliche Situation hinter sich haben und diese Aufmunterung brauchen.

Den Weg vom Grundschulalter bis heute und den aktuellen Problemen und Schwierigkeiten erfährt man in "Retroperspektive", einem amüsant gerappten Track, der einen sich selbst an die Kindheitstage zurückerinnern läßt.

Ein Track, der selbstverständlich nicht fehlen darf ist "Oh Madame", der an die Damen der Schöpfung gerichtet ist und deren Wichtigkeit unterstreicht. Die Frage, ob es nun eine Hymne für alle Frauen oder doch nur Zeilen für eine ganz bestimmte Person sind, wird nicht geklärt, aber dennoch sollten sich alle "Madames" dieser Welt geschmeichelt fühlen.

Zum Schluss bemüht der Mann am Mic noch einmal die Phantasie seiner Zuhörer und fordert sie auf: "Stell dir vor"! Im Mittelpunkt steht der Wunsch jedes Einzelnen nach einer besseren Welt und der Appell des Rappers bei sich selbst anzufangen und kleine Dinge zu ändern, damit so Stück für Stück die Regenwolken und Sorgenfalten verdrängt werden und die Freude wieder überwiegt. Freuen darf man sich auch auf die Ansage im Outro: Finest kommt garantiert wieder! Das Debüt ist endlich mal wieder ein deutsches Rap-Album das man einlegt, auf Play drückt und vergisst, dass es eine Skiptaste gibt. Neben der thematischen Bandbreite bietet "Die Innere Stimme" auch musikalisch eine große Vielfalt. Dafür verantwortlich sind auch die Produzenten Costa, Snapshot, Groovin-tobits, Dundee, Ewok, Barto, die Franzosen von FMR-Productions und LMNZ.
Und somit bleibt mir nichts anderes mehr zu sagen, als Danke für dieses Album und "bye, bye bis zum nächsten!". (msd)